Netzwerktag "300 Jahre Josef Günzburger"
Das Günzburger-Netzwerk – Erinnerungsarbeit zwischen Forschung und Praxis
Vormittag: Spitalkirche, Marienau 1, Breisach am Rhein
Nachmittag: Exkursion zum jüdischen Friedhof und zur ehemaligen Synagoge in Mackenheim
Wie können wir das jüdische Erbe der ehemaligen „Günzburger-Gemeinden“ gemeinsam erforschen, bewahren und vermitteln? Wie lassen sich historische Forschung, lokales Wissen und ehrenamtliches Engagement miteinander verbinden – und welche Perspektiven ergeben sich daraus für eine gemeinsame Erinnerungsarbeit?
Diesen Fragen widmet sich der diesjährige Günzburger-Netzwerktag. Er bringt die am Projekt beteiligten Gemeinden und Institutionen mit Fachleuten, Kooperationspartnern und weiteren Interessierten zusammen.
Ausgangspunkt des Projekts ist Josef Günzburger († 1727), Vorsteher der jüdischen Gemeinde Breisach. Mit seiner Vermittlung bei der Ansiedlung jüdischer Familien zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist die Entstehung mehrerer jüdischer Gemeinden am südlichen Oberrhein verbunden. Im Mittelpunkt unseres Projekts stehen deshalb nicht nur einzelne Orte, sondern auch ihre Beziehungen untereinander: Migration, Familiennetzwerke und gemeinsame Entwicklungen über Gemeinde- und Landesgrenzen hinweg.
Zugleich richten wir den Blick auf die für 2027 geplante gemeinsame Ausstellung. Sie entsteht als unser Beitrag zum Projekt „Zuhause – unterwegs“ des Netzwerks Museen 2026/27, an dem Museen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz beteiligt sind.
Unterwegs in den „Günzburger-Gemeinden“
Im Vorfeld des Netzwerktages waren wir selbst unterwegs. Unsere Reise führte uns zu den Projektpartnern in den verschiedenen „Günzburger-Gemeinden“. Wir besuchten Erinnerungsorte, Archive und Museen und sprachen mit Menschen, die sich vor Ort mit der jüdischen Geschichte ihrer Gemeinden beschäftigen.
Dabei ging es nicht allein darum, historische Fakten zusammenzutragen. Wir wollten erfahren: Was macht die Geschichte des jeweiligen Ortes besonders? Welche Geschichten sollten in der gemeinsamen Ausstellung erzählt werden? Welche Objekte, Persönlichkeiten und Orte können davon erzählen? Und wie wird jüdische Geschichte heute vor Ort erinnert und vermittelt?
Aus diesen Begegnungen und Gesprächen ist ein kleiner Film entstanden, den wir nach Möglichkeit beim Netzwerktag erstmals gemeinsam zeigen möchten. Zugleich haben wir unsere Besuche in der Reihe „Unterwegs in den Günzburger-Gemeinden“ auf unserer Webseite dokumentiert.
So wächst aus den Geschichten und Quellen der einzelnen Orte Schritt für Schritt ein gemeinsames Bild – und aus den Kontakten zwischen den Menschen vor Ort ein Netzwerk heutiger Erinnerungsarbeit.
Jüdische Friedhöfe als Erinnerungsorte
Wir freuen uns, dass Dr. Katrin Hammerstein, Leiterin und Fachreferentin Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, den Netzwerktag mit einem Grußwort eröffnet.
Hauptreferentin des Tages ist Dr. Anke Geißler-Grünberg, Leiterin des Projekts „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ am Lehrstuhl für Deutsch-Jüdische Geschichte der Universität Potsdam. Unter dem Titel „Jüdische Friedhöfe als Erinnerungsorte – Herausforderungen und Chancen“ nimmt sie einen Themenbereich in den Blick, der viele der beteiligten Orte unmittelbar beschäftigt: Wie können jüdische Friedhöfe als historische Quellen und Erinnerungsorte bewahrt, dokumentiert und vermittelt werden?
Daran knüpft Roger Raphael Harmon mit Einblicken in die Dokumentation jüdischer Friedhöfe im Elsass, in der Schweiz und in Breisach an.
Von der Forschung zur Praxis
Nun kommen die verschiedenen Erfahrungen und Recherchen beim Netzwerktag zusammen. Die beteiligten Gemeinden stellen ihre bisherigen Arbeiten, Entdeckungen und Herausforderungen vor und kommen miteinander ins Gespräch.
Jean-Pierre Spielmann, ehemaliger Bürgermeister von Mackenheim, berichtet über das Engagement der Gemeinde bei der Restaurierung des jüdischen Friedhofs. Françoise Elkouby, Präsidentin von Les Routes du Judaïsme Rhénan, spricht über den Hoffaktor Cerf Berr und sein Wirken in Frankreich.
Besonders freuen wir uns auf das Gespräch mit François Blum und Hanneke Schmitz, Nachfahren der Familie Günzburger.
Über den Rhein nach Mackenheim
Am Nachmittag führt der Netzwerktag über den Rhein nach Mackenheim. Gemeinsam besuchen wir den dortigen jüdischen Friedhof und beschäftigen uns vor Ort mit Josef Günzburger. Anschließend geht es zur ehemaligen Synagoge. Dort wollen wir die Ergebnisse und Fragen des Tages zusammenführen, Verabredungen für die weitere Zusammenarbeit treffen und gemeinsam auf das Ausstellungsjahr 2027 vorausblicken.
Der Ortswechsel nach Mackenheim macht zugleich einen wesentlichen Gedanken unseres Projekts sichtbar: Die Geschichte der jüdischen Gemeinden am Oberrhein lässt sich nicht innerhalb heutiger Orts- und Landesgrenzen erzählen. Familiengeschichten, Beziehungen und historische Spuren führen über den Rhein und verbinden die beteiligten Orte miteinander.
Mitmachen und ins Gespräch kommen
Der Netzwerktag richtet sich ausdrücklich nicht nur an die bereits beteiligten Gemeinden und Institutionen. Eingeladen sind ebenso Kooperationspartner, ehrenamtlich Engagierte und alle Interessierten, die sich für jüdische Geschichte und Erinnerungsarbeit am Oberrhein interessieren oder das Günzburger-Netzwerk kennenlernen und sich künftig einbringen möchten.